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Recruiting

Welche Fragen Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch wirklich stellen sollten

Die erste Frage ist nicht: Wen suchen wir? Die erste Frage ist: Was soll durch diese Besetzung endlich funktionieren?

Wer diese Frage überspringt, geht mit einer Liste aus Standardfragen ins Gespräch und bekommt Standardantworten. „Sind Sie teamfähig? Belastbar? Selbstständig?” Darauf sagt jeder Ja. Und Sie sitzen am Ende mit drei sympathischen Bewerbern da, die alle dasselbe behauptet haben, und wissen kein bisschen mehr als vorher.

In dreißig Jahren Personalsuche habe ich diesen Fehler öfter gesehen als jeden anderen. Er ist leicht zu beheben. Man muss nur aufhören, nach Eigenschaften zu fragen. Wie das geht, zeige ich hier an einigen Beispielen. Ausführlich, mit der typischen Falle und den richtigen Nachfragen zu jeder Frage, steht es in meinem Buch zum Vorstellungsgespräch.

Der Denkfehler: Sie fragen nach Etiketten

„Belastbar”, „teamfähig”, „kommunikationsstark” sind Etiketten. Ein Etikett kann man sich anheften, ohne dass etwas dahintersteht. Niemand wird Ihnen im Gespräch sagen: „Ehrlich gesagt, unter Druck reagiere ich passiv aggressiv und mache nur noch Dienst nach Vorschrift.”

Sie wollen aber nicht wissen, wie sich jemand sieht. Sie wollen wissen, wie jemand handelt. Und das verrät keine Eigenschaft, sondern eine Geschichte.

Die Regel: Übersetzen Sie das Etikett in eine Situation

Die Lösung ist einfach. Nehmen Sie die Eigenschaft, die Ihnen wichtig ist, und übersetzen Sie sie in eine konkrete Situation, in der sie sich zeigen musste. Aus „Sind Sie X?” wird „Erzählen Sie von einem Moment, in dem X gefragt war. Was haben Sie gemacht?”

Der Unterschied ist groß. Eine Eigenschaft kann man behaupten. Eine Situation muss man erzählen. Mit Anfang, Entscheidung und Ausgang. Und genau dazwischen, in der Entscheidung, sehen Sie den Menschen. Verhalten in der Vergangenheit ist der beste Hinweis auf Verhalten in der Zukunft, den ein Gespräch hergibt.

Acht Beispiele: vom Etikett zur Verhaltensfrage

Statt (Floskel)Besser (nach Verhalten gefragt)
„Sind Sie teamfähig?”„Erzählen Sie von einem Projekt, in dem ein Kollege Ihre Arbeit ausgebremst hat. Was haben Sie gemacht?”
„Arbeiten Sie selbstständig?”„Beschreiben Sie eine Aufgabe, bei der Ihnen keiner sagen konnte, wie sie geht. Was war Ihr erster Schritt?”
„Sind Sie kommunikationsstark?”„Wann mussten Sie zuletzt eine schlechte Nachricht überbringen? Wie sind Sie vorgegangen?”
„Sind Sie kundenorientiert?”„Wann hat ein Kunde etwas verlangt, das Sie für falsch hielten, und wie haben Sie reagiert?”
„Sind Sie lernbereit?”„Was haben Sie sich zuletzt selbst beigebracht, und warum gerade das?”
„Sind Sie durchsetzungsstark?”„Erzählen Sie von einer Idee, die Sie gegen Widerstand durchbekommen haben. Wie?”
„Sind Sie zuverlässig?”„Wann konnten Sie einen Termin nicht halten? Wie haben Sie es gemerkt und was getan?”
„Passen Sie zu uns?”„Was müsste ein Arbeitgeber tun, damit Sie nach drei Monaten wieder gehen?”

Sie merken: Auf keine dieser Fragen gibt es eine auswendig gelernte Antwort. Der Bewerber muss in seinem eigenen Leben nachsehen. Und dabei zeigt er Ihnen, wie er denkt.

Und wenn doch einmal eine glatte, offensichtlich vorbereitete Antwort kommt, hängen Sie eine Nachfrage an, die eine konkrete Szene verlangt. Wie das für die fünfzehn häufigsten Bewerber-Floskeln geht, zeigt die Nachfrage-Leiter fürs Vorstellungsgespräch.

Gerade bei der ersten Frage, der Teamfähigkeit, lohnt der zweite Blick. Denn „ja, teamfähig” sagt auch der Einzelkämpfer, der sich wirklich dafür hält. Woran Sie den Gestalter vom Alleingänger unterscheiden, lesen Sie hier: Teamfähigkeit im Vorstellungsgespräch erkennen.

Eine Frage, voll ausgewertet: so tief geht das

Eine gute Frage ist erst der Anfang. Die eigentliche Arbeit beginnt beim Zuhören. Nehmen wir eine einzige:

„Erzählen Sie von einer Entscheidung, die Ihr Chef falsch fand.”

  • Was die Frage zeigt: Ob jemand eigene Urteile fällt und ob er sie vertreten kann, ohne stur zu werden.
  • Die Falle: „Am Ende hatte ich recht” klingt stark, ist aber oft nur nachträglich glattgebügelt. „Mein Chef hatte recht” kann ehrlich sein. Oder rückgratlos. Beides verrät sich erst im nächsten Satz.
  • Worauf Sie hören sollten: Ob er die Gegenseite fair wiedergibt. Ob er sagen kann, was er heute anders machen würde.
  • Gute Nachfragen: „Was hat Ihr Chef gesehen, das Sie nicht gesehen haben?” und „Wann würden Sie so eine Entscheidung wieder genau so treffen?”

Eine einzige Frage. Und so viel dahinter. Die Entscheidung, wer am Ende der oder die Richtige ist, nehme ich Ihnen damit nicht ab. Die treffen Sie. Aber Sie treffen sie auf einer anderen Grundlage als „war mir sympathisch”.

Bevor Sie ins Gespräch gehen

Gute Fragen entstehen nicht im Gespräch, sondern davor. Klären Sie zuerst, was durch die Besetzung funktionieren soll. Nicht „welcher Typ Mensch”, sondern welche Aufgabe, welches Ergebnis. Leiten Sie daraus fünf bis sechs Verhaltensfragen ab. Stellen Sie sie allen Bewerbern gleich, damit Sie am Ende wirklich vergleichen und nicht nur erinnern. Lieber sechs gute Fragen mit echten Nachfragen als zwanzig abgehakte.

Damit Sie das nicht von vorne aufbauen müssen, hier die wichtigsten Verhaltensfragen auf einen Blick. Zum Ausdrucken und Mitnehmen:

Und noch etwas, das viele übersehen: Am Ende fragt der Bewerber selbst. Auch seine Fragen sind ein Signal, ob er sein Risiko prüft oder den Auftrag verstehen will. Wie Sie die Fragen des Bewerbers einordnen, lesen Sie im eigenen Beitrag.

Wenn Sie tiefer gehen wollen

Diese Denkweise ist der Kern meines Buchs zum Vorstellungsgespräch: vom Etikett zur Situation, von der Antwort zur Nachfrage. Ich habe es geschrieben, weil ich in dreißig Jahren immer wieder gesehen habe, wie kluge Leute kluge Bewerber an Floskeln vorbei beurteilt haben. Im Buch finden Sie den vollständigen Fragenkatalog. Jede Frage mit dem, was sie zeigt, der typischen Falle und den richtigen Nachfragen, für jede Phase des Gesprächs.

Häufige Fragen

Welche Fragen sollte ich als Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch stellen? Verhaltensfragen statt Eigenschaftsfragen. Fragen Sie nach konkreten Situationen aus der Vergangenheit, nicht nach Selbsteinschätzungen.

Was sind Verhaltensfragen im Vorstellungsgespräch? Fragen, die nach einer echten erlebten Situation verlangen („Erzählen Sie von…”) statt nach einer Meinung über sich selbst.

Wie bereite ich mich als Arbeitgeber auf ein Vorstellungsgespräch vor? Erst klären, was die Besetzung leisten soll, dann fünf bis sechs Fragen daraus ableiten und für alle Bewerber gleich verwenden.

Wie viele Fragen braucht ein Vorstellungsgespräch? Lieber sechs bis acht gute mit Nachfragen als zwanzig, die nur abgehakt werden.

Gibt es Fragen, die ich nicht stellen darf? Ja, manche sind rechtlich heikel, etwa nach Familienplanung oder Gesundheit. Im Zweifel weglassen.


Dieser Beitrag bietet eine praxisnahe Orientierung für Unternehmen und Betriebe und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.